Frankreichs Südosten: Landschaftlich atemberaubend und kulturell reich
von Birgit Hannemann
Bis auf den letzten Platz war der Raum ausgebucht und selbst dieser blieb zuletzt nicht unbesetzt. So voll war es selten bei einem Kulturfreitag in der VHS. Am 13. März entführte der Referent Dr. Ralph Quadflieg seine Zuhörerschaft nach Frankreich ins Languedoc-Roussillon – offenbar gibt es sehr viele Liebhaber dieser Region.
Das Languedoc-Roussillon - oft auch nur als Languedoc bezeichnet - ist eine geschichtsträchtige Küstenregion im Süden Frankreichs und reicht von der Provence bis zu den Pyrenäen und zur spanischen Grenze. Die Gegend ist ein bedeutendes Weinbaugebiet. Montpellier war die Hauptstadt der Region und besitzt ein gut erhaltenes mittelalterliches Viertel. Von der Urgeschichte bis zur Gegenwart war das Languedoc ein Asylland und Durchzugsgebiet. Die Mittelmeerküste wurde in der Antike von Griechen, Phöniziern und Römern besiedelt und später von Alemannen, Vandalen, Westgoten und Sarazenen erobert. Im späten Mittelalter war das Languedoc Zentrum der katharischen Bewegung. Die römisch-katholische Kirche erklärte sie zu Häretikern und bekämpfte sie im Albigenser-Kreuzzug. Montségur war die zentrale Burg der Katharer. Belagert von Kreuzrittern endete dort dann auch das katharische Erbe.
Die Römer bauten die Via Domitia; davor lebte der Tautavel-Mensch im Roussillon. Im Lauf der Jahrhunderte entstanden Megalith-Monumente und typische Dörfer. Narbonne, Béziers und Nîmes besitzen Denkmäler aus gallisch-römischer Zeit. Aigues-Mortes und Carcassonne z.B. sind bekannt für ihre Festungsanlagen. Die Katharerburgen Puivert, Quéribus und Peyrepertuse erinnern an konfliktreiche Zeiten. Die Romanik blühte z.B. in Maguelone. Kathedralen in Mende und Narbonne zeugen von Gotik im Languedoc. Das Barock prägt die Altarbilder katalanischer Kirchen. Toulouse, die heutige Hauptstadt der Region, liegt nahe der spanischen Grenze am Fluss Garonne. Der Spitzname La Ville Rose kommt von den Terrakotta-Ziegeln der Häuser. Der Canal du Midi verbindet Garonne und Mittelmeer; er lässt sich per Boot, Rad oder zu Fuß erkunden. Unter der Herrschaft der Grafen von Toulouse wurden großartige Kirchen gebaut, sie gilt als historische Pilgerstadt und war ein Knotenpunkt des Jakobswegs nach Santiago de Compostela. Basilika Saint-Sernin ist Herzstück des Pilgerwesens, größte romanische Kirche Frankreichs (11. Jh.) und UNESCO-Weltkulturerbe seit 1998. Die Via Tolosana führt von Arles bis in die Pyrenäen. Reliquien des heiligen Thomas von Aquin sollen sich dort im Jakobinerkloster befinden. Aufgrund der Reliquien und Saint-Sernin zog die Stadt stets Pilger an. Lourdes ist heute zwar der bedeutendste Wallfahrtsort Frankreichs, doch Toulouse bleibt zentral für Pilger und Touristen. Albi und Cordes-sur-Ciel sind zwei der eindrucksvollsten historischen Orte Okzitaniens (seit 2016 Zusammenschluss des Languedoc-Roussillon und Midi-Pyrénées). Albi besticht durch rote Backsteinarchitektur, Cordes-sur-Ciel liegt nahe der Burg Saint-Martin-Laguépie. Das Toulouse-Lautrec-Museum befindet sich in Albi im Palais de la Berbie und beherbergt eine einzigartige Sammlung. Weltweit die größte mit Werken des französischen Malers Henri Toulouse-Lautrec. Carcassonne gehört seit 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Berühmt ist vor allem die mittelalterliche Festung La Cité. Als größte Festung Europas ist sie vollständig erhalten. Carcassonne liegt rund 70 km nordwestlich von Perpignan. Gegründet in der Römerzeit und Zentrum der katharischen Bewegung. Der Canal du Midi passiert die Stadt, wird wirtschaftlich genutzt und verbindet sie mit dem Mittelmeer bei Sète. Narbonne, direkt am Meer gelegen, war Hauptort der historischen Territorien Gallia Narbonensis und Septimanien. Bedeutsam ist die Cathedrale Saint-Just, der angrenzende Bischofspalast und das Archäologische Museum und vor dem Rathaus die Überreste der Via Domitia. Beziers ist das größte Weinbaugebiet der Region, umgeben von sanften Hügeln und Weinreben. Es ist ideal zum Schlendern, zum Radeln am Canal du Midi und zum Genießen der wunderbaren Küche dort. Pézenas, zwischen Béziers und Montpellier gelegen, war über 200 Jahre lang Hauptstadt des Languedoc, heute bekannt als Kunsthandwerkerstadt und als Wirkungsstätte von Moliére, der 1647 mit dem Illustre Théâtre hier gastierte. Montpellier liegt nur 10 km landeinwärts von der Mittelmeerküste entfernt, mit einer imposanten gotischen Kathedrale Saint-Pierre de Montpellier, deren markante Wahrzeichen ihre Kegeltürme sind. Sie geht auf das Jahr 1364 zurück. Das Stadtviertel Antigone dagegen ist ein moderner Bezirk mit klassizistischen Motiven zum Genießen und Savoir-vivre. Im Museum Fabre sind bedeutende Werke französischer Maler und alter Meister zu besichtigen. Zu guter Letzt Nîmes, früher ein wichtiger Außenposten des Römischen Reiches. Die Stadt ist für ihre gut erhaltenen Monumente bekannt, zum Beispiel die Arènes de Nîmes, ein zweistöckiges Amphitheater von ca. 70 n. Chr., das heute noch für Konzerte genutzt wird. Sowohl der weiße römische Kalksteintempel Maison Carrée als auch der Aquädukt Pont du Gard mit seinen 3 Ebenen sind rund 2.000 Jahre alt. Der „Pont du Gard“, 1985 von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen, gilt als Symbol des römischen Architekturgenies. Zwischen Nîmes und Avignon gelegen, fasziniert dieses alte römische Aquädukt die Menschen seit 20 Jahrhunderten.
Der Vortrag von Dr. Ralph Quadflieg war unglaublich inspirierend, reich an Wissen und eindrucksvollen Fotos über das Languedoc – eine Einladung, die Region selbst zu entdecken und mit neuen Augen zu erleben (bh).-